Karl Ganser

Stationen eines bewegten Planerlebens

 

Am 21.4.2022 ist im Alter von 84 Jahren Prof. Dr. Karl Ganser in seiner schwäbischen Heimt verstorben. Er hat in den über 60 Jahren seines vielfältigen beruflichen Lebens in den Themenfeldern Stadtplanung und Stadterneuerung, Stadtentwicklung, Denkmalpflege, Industriekultur und Verkehrsplanung wichtige Impulse gegeben.

Antreiber einer modernen Angewandten Geographie

Begonnen hat er seine Fachkarriere mit einem naturwissenschaftlichen Studium mit den Schwerpunkten Biologie und Geographie in München Ende der 1950er Jahre. Am geographischen Institut der TH München erhielt er als Assistent durch seinen akademischen Lehrer Wolfgang Hartke ein sehr interdisziplinäre Prägung mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt. Er engagierte sich in der damals noch wenig etablierten planungsbezogenen Angewandten Geographie, deren Öffentlichkeitsreferent er mehrere Jahre war. Und er hat in München mehrere Generationen junger Planer ausgebildet, die der Geographie einen anerkannten Platz im Kanon der Raumplanungsdisziplinen eröffet haben. Der TH München blieb er auch in allen späteren beruflichen Stationen als Lehrbeauftragter für räumliche Planung verbunden.

Strategiedenker für die Münchener Stadtentwicklung

Nach den ersten Studien zur Stadtentwicklung Münchens bekam er im von OB Vogel neu geschaffenen Stadtentwicklungsreferat eine Stelle für strategische Studien. Damals beschäftigte ihn besonders der Konflikt um entweder monozentrische oder polyzentrische Stadtentwicklung. Seine Position war klar: polyzentrische Entwicklungsstrategien haben viele soziale, ökonmische und verkehrliche Vorteile. Allerdings hat die erfolgreiche Olympiabewerbung der Stadt mit der nachfolgenden Boomdynamik und den Investitionen in ein monozentrisches U- und – S-Bahn-Netz dann doch mehr monozentrische Tendenzen gestärkt. Im geographischen Institut, dem er weiter mit einer halben Stelle verbunden blieb,  hat er dann ein ganzes Forschungscluster zur Rolle kommunaler Imagestaregien und zu Standortfaktoren für die boomenden Dienstleistungs- und Forschungs- und Entwicklungbranchen  initiiert. Und er hat sich schon damals sehr kritisch mit den Suburbanisierungstendenzen auseinander gesetzt, die jahrzehntelang die Stadt- und Regionalentwicklung der Großregion geprägt haben. Die von ihm immer wieder geforderte Stärkung und paralementarische Absicherung der Regionalplanung in Deutschland kontn er ellerdings nicht durchsetzen.

Strategiedenker für das Budnesbau- und Raumordnungsmnisterium

Mit einer Reihe leitender Münchener Mitarbeiter des OB Vogel wechselte er 1971 in die damalige Bundeshauptstadt. Dort wurde unter seiner Leitung aus den dortigen Instituten für Landeskunde und Raumordnung eine neue Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung  aufgebaut, die die Städtebau- und Raumordnungspolitik wissenschaftlich fundieren sollte. Seinerzeit bekam wissenschaftliche Politikberatung einen wechsenden Stellenwert. Das Bundeskanzleramt unter Minister Prof. Ehmke sollte neben der typischen Koordinierungsfunktion  eine strategischer Steuerungsfunktion für die diversen Fachpolitiken des Bundes übernehmen. Die dafür erforderlichen wissenschaftlichen Grundlagen sollte die neu geschaffene BfLR im Rahmen eines neuen Forschungsprogramms zur Raum- und Siedlungsentwicklung (MFPRS) durch Vergabe von Projekten an renommierte Forschungsinstitute bereitstellen. Auf dieser Basis bekam die Regionalisierung und Dezentralisierung der Fachpolitiken des Bundes, insbesondere  mit ihren sog. „Gemeinschaftsaufgaben“ ein ganz neues politisches Gewicht.

Grenzgänger zwischen den Disziplinen und Impulsgeer für das IRPUD

Das betraf dann auch die Hochschulentwicklung, die aus der Raumordnung massive Impulse für viele Hochschulneugründungen in ländlichen Regionen und in altindustrialisierten Problemregionen bekam. Zu den neuen Hochschulen gehörte dann auch die TU Dortmund, für deren inhaltliche Ausrichtung im Bereich der Planungswissenschaften Ganser als Mitglied in einem Gutachterkreis maßgebliche thematische Weichenstellungen initiierte: auf behutsame Stadterneueung, auf partizipative Planungsstrategien, auf ökologische Stadtentwicklung, auf nachhaltige Verkehrsentwicklung. Gerade weil Ganser nicht die klassischen juristischen und technischen Qualifikation mitbrachte, konnte er als „Quereinsteiger“ und „Grenzgänger“ viele Impulse für eine große Interdisziplinarität der Forschungsausrichtung und Planerausbildung geben, die in den folgenden Jahrzehnten die Arbeit am IRPUD maßgeblich  geprägt haben.

Ganser und Zöpel als „Zwillinge“ im Kampf für behutsame Stadtentwicklung

1980 kam es zu einer epochemachenden Verbindung zwischen Ganser und dem damaligen Minister für Landes- und Stadtentwicklug, Christoph Zöpel. Zöpel bot Ganser die Möglichkeit, in einer neu firmierten Stadtentwicklungsabteilung die bisherige Städtebaupolitik des Landes neu auszurichten. Bis dahin dominierte in NRW die Flächen- und Kahlschlagsanierung das Geschehen, der Wohnungsbau forcierte suburbane Großwohnanlagen, die Verkehrspolitik okkuppierte mit ihren Stadtautobahnprojekten die Stadterneuerung und ein Großteil des Geldes floß in Betriebsstandortverlagerungen aus den klassischen Gemengelagen der frühen Industrialisierung auf die „Grüne Wiese“ mit nachfolgendem Abriß der alten Industrieanlagen und Gebäude.  Die vielen Klein und Mittelstädte mit ihrer viefach historischen Bausubstanz in den Stadtkernen wurden sträflich vernachlässigt. Ganser und Zöpel vollzogen ein Vollbremsung der bisherigen Sanierungspolitik und legten diverse Programe für die behutsame Stadterneuerung auf, zunächst gegen den erbitterten Widerstand der etablierten Immobilienwirtschaft und Baukonzerne und der meisten betroffenen Kommunen. Aber die thematischen „Zwillinge“ Ganser und Zöpel setzten ihren Kurs beharrlich und immer erfolgreicher durch. Zum Wolhe der vielen Klein- und Mittelstädte wurden die beiden Arbeitsgemeinschaften Historische Stadtkerne und historische Ortskerne gegründet. Als Antithese zum Stadteutobahnbau wurden Programme zur Verkehrsberuhigung und Wohnumfeldverbesserung aufgelegt. Als Kontrast zum monotonen Massenwohnungsbau in suburbanen Großwohnsiedlungen wurde kleinteiliger, qualitätsvoller Wohnungsbau im Bestand mit entsprechenden Partizipationsmodellen auf der Basis erfolgreicher Wettbewerbe betrieben. Die durch Immobilienspekulation hochgradig gefährdeten Arbeitersiedlungen des Ruhrgebiets und das industriekulturelle Erbe wurden trickreich erhalten.

Die IBA Emscherpark als Krönung und Praxistest

Es lag nahe, als strukturpolitischen Impuls nach dem Vorbild der IBA Berlin, die sich der Stadterneuerung und dem Bauen im Bestand gewidmet hatte, eine weitere IBA im besonders vom Strukturwandel gebeutelten nördlichen Ruhrgebiet zu organisieren. Also wurde Ende der 1980er Jahre die IBA Emscherpark als thematisch breit gefächertes Projektcluster aufgelegt, deren Chef Karl Ganser wurde. Die IBA begann mit einer stark partizipativen Startphase, mit vielen Wettbewerben und dem Anspruch, einer ganzen, großen Region Innovations- und Kreativitätsimpulse zu geben. Und tatsächlich konnte die IBA aus eine großen Zahl von Projektideen in einen stufenweisen Qualifizierungsprozess ca. 130 städtebauliche, ökologische und denkmalschützende industriekulturelle Projekte  auswählen, die dann in einem zehnjährigen Umsetzungprozess realisiert wurden und später weltweit sehr viel Aufsehen erregt und Anerkennung gefunden haben. Durch sein herausragendes persönliches Engagement wurde Ganser zum „Mr. Ruhrgebiet“, zum „Marathonmann“, der sich durch Nichts und Niemand entmutigen ließ in seiner umwerfenden Kreativität und Findigkeit in der Mobilisierung von Akzeptanz und quer zum normalen, trägen Verwaltungshandeln liegenden Umsetzungpfaden. Am Ende wurde die IBA ein großer Erfolg, die viele Ikonen der Industriekultur und Ökologie gerettet und wieder in Wert gesetzt hat. Man denke nur an die Zeche Zollverein in Essen, an den Landschaftspark Duisburg-Meiderich, den Gasometer in Oberhausen und als regional verbindes Highlight die Neuordnung und Renaturierung des Emscher- Flußsystems. Typisch für Ganser, dass er lange vor dem heutogen „Gendern“ Wert darauf legte, dass bei vielen Projekten auch Frauen als einerseits Betroffene, aber auch Macherinnen zum Zuge kamen, insbesondere bei den Wohnungsbauprojekten.

 

Ganser als „Teamplayer“ und Motivationskünstler

Als engagierter Mannschaftsführer in der Krumbacher Bundesliga-Faustballmannschaft wurde Ganser früh ein Teamplayer, der in all seinen beruflichen Positionen als großer Motivator und Teamplayer wirkte. Er konnte seine Studierenden immer wieder zu großer Neugierde und Experimentierfreude motivieren. In der BfLR konnte er neben der alten Belegschaft  kurzfristig 13 neue Stellen mit einem jungen interdisziplinären Team besetzen. Im MLS/MSWV hat er die traditionell hierarchischen und „schubladisierten“ Strukturen  zu Gunsten immer neuer Teamkonstellationen aufgebrochen, unter vielfacher Umgehung der typischen Zuständigkeitsfragen. Im IBA-Team hat er das Direktorium aus sehr eigensinnigen Planungsprofessoren zu einer inspirierenden Kernmannschaft zusammengeführt. Auf dieser Basis konnte er die  vielfach noch jungen Projektbeteiligten der Ministerial- und Kommunalverwaltungen, bürgerschaftlichen INitiativgruppen und Teammitglieder der Investorenseite  zu faszinierender Mitarbeit motivieren.

Später Frust über die Trägheit der Systeme

Um so mehr hat sich Ganser nach seiner Pensionierung oft geärgert, wie sehr sich im Ruhrgebiet das frühere Business as usual wieder breit gemacht hat, wie wenig sich der kommunale Planungsalltag und das wirtschaftliche Investieren wirklich von den Leuchtturmprojekten haben inspirieren lassen. Der Lerneffekt war ihm eindeutig zu gering, was auch an dem neuerlichen Erstarren der segmentierten Fachwelten zu tun hatte, die sich seinem interdisziplinären Anspruch und seiner flexiblen Neugier für unkonventionelle Wege  später wieder massiv widersetzten. Der Bereich, den er dafür am liebsten zitierte, war der Verkehrsbereich, der gerade im Ruhrgebiet aus seiner chronischen Auto- und Straßenbaufixierung bislang nicht wirklich herausgefunden hat, trotz macher schöne singulärer Projekte im Bereich der Verkehrsberuhigung.

Gansers weltweit gefragte Stimme ist leider verstummt

Gansers Wirken blieb aber nicht auf NRW und das Ruhrgebiet beschränkt. Nach seiner Pernsionierung hat er seinen Kampf für kreative Lösungen, erhaltende Stadterneuerung, engagierte Denkmalpflege viele Jahre auch bundesweit,  europaweit und gelegentlich auch weltweit weitergeführt. Dabei war seine Erfahrung aus Hunderten von ihm beeinflussten Projekten immer eine anerkannte Basis, die ihm besondere Überzeugungskraft verlieh. Es ist jammerschade, dass seine eloquente, inhatlich und didaktisch überzeugende Stimme nicht mehr zu hören ist. Mit ihm verlieren Stadt- und Raumplanung einen großen Antreiber und Kronzeugen für für die großen Potenziale behutsamer Stadt- und Raumentwicklung.

 

Prof. Dr. Heiner Monheim, dessen Chef Karl Ganser drei mal war, in München, in Bonn und in Düsseldorf